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Gerhard Höpp

Muslime unterm Hakenkreuz

Zur Entstehungsgeschichte des Islamischen Zentralinstituts zu Berlin e. V.

Vorbemerkungen:  Das Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland e.V. (gegründet am 4. November 1927 als „Islam-Institut“ zu Berlin; 1942 in „Islamisches Zentral-Institut“ umgewandelt) war zumindestens ab 1942 von der Propaganda der NSDAP instrumentalisiert worden. Zwar beriefen sich die seinerzeitigen Betreiber ausdrücklich darauf, daß das Institut ganz im Sinne seines Gründers, Hadj Mohammed Abdul Nafi Tschelebi, weiterarbeiten werde. Eingelöst wurde dieses Versprechen jedoch erst nach dem Wiederaufbau in Saarbrücken und Soest ab dem Jahre 1962. Seither gehört der Dialog mit anderen Religionsgemeinschaften – insbesondere mit Christen und Juden – und mit unterschiedlichen weltanschaulichen Gruppierungen zu den Hauptanliegen des Instituts. Das „Islam-Institut“ sollte nach den Vorstellungen seines Gründers in doppeltem Sinne eine Brücke bilden: einmal zwischen der islamischen Welt und Deutschland, dann aber auch zwischen den in Deutschland lebenden Angehörigen aus unterschiedlichen islamischen Ländern.

Als am 18. Dezember 1942 im Berliner „Haus der Flieger“ anläßlich des ld al-Adhā mit Pomp das Islamische Zentral-Institut (al-Ma‘had al-islāmi al-‘āmm) eröffnet wurde, fand der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, in seiner Festrede wie in seinem Grußtelegramm an Adolf Hitler zwar viele starke Worte gegen die „eingefleischten Feinde der Muslime“ [1], die „Juden, Bolschewisten und Angelsachsen“ [2], er ging jedoch mit keinem Satz auf die Bestimmung der neuen Einrichtung, geschweige denn auf die Umstände ein, die zu ihrer Gründung geführt hatten. Dabei – das belegen Archivalien – werfen besonders letztere ein Licht darauf, wie sich islamisches Leben im Dritten Reich gestaltete, wie es sich mit deutscher Innen- und Außenpolitik verschränkte und schließlich von ihr vereinnahmt und für faschistische Kriegsziele instrumentalisiert wurde. Vielleicht war dies auch der Grund für die Zurückhaltung des Muftis und der am Festakt beteiligten deutschen Offiziellen.

Die Geschichte des Islamischen Zentral-Instituts [3] beginnt im Grunde am 4. November 1927. An diesem Tage wurde das Islam-Institut (Ma‘had al-Islem) ins Leben gerufen. Es sollte, wie der Vorsitzende seines Stiftungsrates, Mohammed Nafi Tschelebi (Muhammad Abd al-Nafi Schalabi), einen Monat später bei der Eröffnung im Humboldt-Haus in der Berliner Fasanenstraße erklärte, ein geistiges Zentrum für den Kulturaustausch zwischen Deutschland und der islamischen Welt werden und beide Seiten durch seine Mittlertätigkeit befruchten. Dafür wurden eine kultische, eine wissenschaftliche, eine wirtschaftliche Abteilung und ein Studienamt für muslimische Studenten in Deutschland eingerichtet sowie die Zeitschrift „Die Islamische Gegenwart“ herausgegeben. [4]

Das Institut wurde in einer Zeit geschaffen, da die Entfremdung zwischen Europa und der islamischen Welt nach Tschelebis Worten „zu offener Feindschaft“ geworden war, und bezog aus dieser Lage seine völkerverbindende Mission als „ehrlicher Makler“. [5] Es entstand aber auch – und das ist die andere Seite – auf dem Höhepunkt von Auseinandersetzungen zwischen jungen Muslimen in Berlin und der konservativen Führung der Islamischen Gemeinde: Am 7. November 1927 wurden der Vorstand der ihr nahestehenden Akademisch-Islamischen Vereinigung Islamia ausgewechselt und am 31. Januar 1928 der Gemeindevorsitzende, der Inder Abdel Jabbar Kheiri (geb. 1880), abgesetzt. In beiden Fällen wandte sich eine Gruppe um Tschelebi gegen den autokratischen Führungsstil des Gemeindegründers Kheiri, der offenkundig nicht geeignet war, den neuen Herausforderungen zu begegnen, denen sich die Muslime auch in Berlin am Ende der zwanziger Jahre gegenübersahen. Kheiri und seinen Anhängern mißfiel ihrerseits wohl die zunehmende Politisierung der Gemeinde und der Islamia, die von Tschelebi und seinen Freunden spätestens seit 1926 aktiv betrieben wurde. Die Gründung des Islam-Instituts erscheint in diesem Lichte auch als eine Alternative zur Islamischen Gemeinde. Treibende Kraft all dieser Bestrebungen und Initiator des Islam-Instituts war Tschelebi, der – am 17. Dezember 1901 in Aleppo geboren – 1923 nach Deutschland gekommen war und an der Technischen Hochschule Charlottenburg ein Ingenieurstudium aufgenommen hatte. Seit etwa 1925 spielte er in der arabischen und internationalen Studentenbewegung Berlins eine wichtige Rolle [6]. 1927 übernahm er auch den Vorsitz der Islamia und gab bis 1929 drei Zeitschriften heraus; 1928 war er zeitweilig Vorsitzender der Islamischen Gemeinde. Nicht zufällig nannte ihn der Inder Virendranath Chattopadhyaya den „aktivste(n) und intelligenteste(n) Araber in Berlin.“ [7] Unter seiner Leitung [8] entfaltete das Islam-Institut eine umfangreiche Tätigkeit in und um Berlin. Sie schloß die kultische Betreuung der Muslime ebenso ein wie die Interessenvertretung und Unterstützung muslimischer Studenten und die Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit über Gegenwartsprobleme und Geschichte der islamischen Völker. Besonders mühte sich das Institut um die Vereinigung der Muslime Berlins – die Beziehungen zur Islamischen Gemeinde, zur Ahmadia und zur 1930 gegründeten Deutsch-Muslimischen Gesellschaft normalisierten sich.

Diese noch näher zu untersuchende Entwicklung fand ein jähes Ende, als Tschelebi im Sommer 1933 tragisch ums Leben kam: Er ertrank in einem See bei Berlin. Wohl auch bedingt durch die Umstände nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten, führte das Islam-Institut seitdem ein Schattendasein. Daran konnten auch Tschelebis Landsleute Wassel Rasslan (Wāssil Rasslān) [9] und Mohammed Jahia Haschmi (Muhammad Yahyā Hāschimi) [10] nichts ändern, die nach ihm provisorisch die Leitung des Instituts übernahmen – Haschmi bis 1934 und Rasslan bis 1936. Seit Rasslan, der 1934 auch Vorsitzender der Gemeinde wurde, verknüpften sich wieder die Geschicke beider Einrichtungen. Dieses Mal war es jedoch die Gemeinde, die die Initiative ergriff und durch ihren Generalsekretär, den indischen Journalisten Habibur Rahman (geb. 1901), das Institut zu dominieren suchte. Ihm, der sich offenkundig zum „starken Mann„ im Berliner Islam dieser Jahre zu profilieren trachtete, gelang es 1939, den Nachfolger Rasslans an der Spitze der Gemeinde, den Ägypter Riad Ahmed Mohamed (Riyād Ahmad Muhammad), zum Vorsitzenden auch des Instituts zu machen. Im selben Jahr gab sich dieses ein neues Statut, das sich vom alten jedoch nur darin unterschied, daß es deutschen Juden die Mitgliedschaft vermehrte. [11]

Ob sich Rahman bei seiner Personalpolitik Mohamed Hassan Hoffmanns (geb. 1901), des letzten noch lebenden bzw. in Deutschland befindlichen Mitglieds des Stiftungsrates von 1927, bediente, ist unbekannt; er war immerhin Gemeindemitglied. Falls es so war, muß er aber bald die Fronten gewechselt haben. Denn der ägyptische Journalist Kamal Eldin Galal (Kamāl al-Din Galal) bewegte ihn noch im selben Jahr, kraft seiner Funktion, den Inder Hafiz Mansooruddin Ahmad als vorläufigen Vorsitzenden des Instituts einzusetzen. [12] Kurz danach, im November 1939, wurde auf Galals Betreiben eine komplette neue Institutsleitung installiert, an deren Spitze der Azhar-Theologe Ali Hassan Abdel Kader (Ali Hassan Abd al-Qādir) stand; Hoffmann wurde Geschäftsführer. [13] Galal, der den Posten des Generalsekretärs einnahm, nutzte offenbar den Umstand aus, daß Riad Ahmed Mohamed (geb. 1899) wie viele andere – aber keineswegs alle! – Bürger von Feindstaaten nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges interniert worden war. [14]

Doch Rahman gab nicht auf und schlug zurück: Im August 1940 teilte er dem Berliner Polizeipräsidium mit, daß er im Mai zum Nachfolger Mohameds gewählt worden sei, und im Oktober wurde der neue Vorstand ins Vereinsregister eingetragen. [15] Das war Galals Bemühungen übrigens nicht beschieden, der noch dadurch ins Hintertreffen geriet, daß sein Favorit und Landsmann Abdel Kader infolge des Kriegsausbruchs nach Ägypten zurückkehrte. [16]

Was sich bis hier abspielte, dürfte zu den Profilierungs- und Ressourcenkämpfen gehören, die im Berliner Islam leider nicht selten waren; das Islam-Institut geht gewissermaßen auf sie zurück. Deutsche Stellen, namentlich das Polizeipräsidium, die NSDAP-Reichs- und Gauleitung, die Gestapo und der SD, registrierten diese Zwiste eher mißmutig und waren ansonsten bestrebt, die Beteiligten unter Kontrolle zu behalten: Weder gegen die Gemeinde, noch gegen das Institut gab es „Bedenken“ [17], auch nicht gegen den Islamischen Weltkongreß [18], allerdings gegen die Deutsch-Muslimische Gesellschaft [19] sowie die Baha'i-Bewegung, die 1937 verboten wurde. [20]

Wann deutsche Stellen in den Streit eingriffen und ihm Richtung gaben, ist nicht genau zu sagen. Anzunehmen ist, daß das spätestens im Frühjahr 1941 begann, als sich Konturen einer aktiveren deutschen Nahostpolitik herausbildeten. Vor ihrem Hintergrund dürfte die Gründung des Islamischen Zentral-Instituts zu Berlin e.V. am 21. September 1941 zu sehen sein, dessen Statuten bereits sieben Monate vorher errichtet worden sein sollen. [21] Initiator dieses Schrittes, der im Restaurant Berliner Kindl am Kurfürstendamm erfolgte, war Galal, der damit wohl auch einen Schlußstrich unter das Gerangel um Tschelebis Erbe setzen wollte. Er war sich dabei des Wohlwollens des Auswärtigen Amtes sicher, das – wie später vom Leiter seines Orient-Referats, Wilhelm Melchers, bestätigt wurde – die „Neugründung des Instituts besonders begrüßt und befürwortet“ hatte. [22] Zwar verfügte auch Rahman als Galals Rivale über gute Beziehungen zu den Behörden des Dritten Reiches, besonders zum Reichspropagandaministerium, doch besaß er, der sich „vorzudrängen und wichtig zu machen“ pflegte [23], offenbar nicht die Sympathie der Diplomaten. Diese genoß hingegen Gala1 [24], der in dem von seinem Landsmann Abdel Halim EI Naggar (‘Abd al-Halim al-Naggār) geführten Stiftungsrat Generalsekretär wurde [25] und in der Folge ein wichtiger Gewährsmann Goebbels' und von Ribbentrops blieb.

Wie tief der Einfluß des Amtes auf das Institut war, läßt sich am „Einbau“ El-Naggars (Deckname Baschir Sufian), Saftys (Deckname Najib Quauas), Abdul Hadi's und Khamiri's [26] sowie Bahri's und Munzel's ermessen, die allesamt Mitarbeiter seiner rundfunkpolitischen Abteilung waren. Ansonsten dürfte das Amt, in dessen Nahostpolitik der Islam nur eine untergeordnete Rolle spielte [27], vornehmlich an der Überschau- und Kontrollierbarkeit der „Szene“ interessiert gewesen sein, über die sie u.a. Galal auf dem laufenden hielt. [28] Das Institut, das nicht einmal eigene Räumlichkeiten besaß, existierte faktisch nur auf dem Papier.

Das änderte sich dramatisch Ende 1942, als das Institut, seine Protagonisten und seine Gegner in den Strudel des „Machtkampfes“ zwischen dem Großmufti und seinen Gegenspielern, dem ehemaligen irakischen Ministerpräsidenten Raschid ‘Ali al-Gailāni, und dem Führer der Organisation „Freies Indien“, Subhas Chandra Bose, gerieten, dessen Ausläufer bis ins Auswärtige Amt reichten.

Die Chronologie der Ereignisse ist unsicher, doch fing alles scheinbar harmlos an: Irgendwann Anfang Dezember einigten sich Vertreter des Instituts und der Islamischen Gemeinde, die nun von Rahman geleitet wurde, darauf, das bevorstehende ‘ld al-Adhā gemeinsam durch einen Gottesdienst in der Moschee Brienner Straße und einen nachmittäglichen Tee-Empfang zu begehen. Zu beiden Veranstaltungen sollten der Mufti und Gailāni eingeladen werden. Dem Auswärtigen Amt schien dieses Arrangement zu passen – Botschafter Curt Prüfer schlug darüber hinaus vor, den Mufti predigen und die Khutba durch den Rundfunk übertragen zu lassen. [29]

Am 11. Dezember gab Gesandter Erwin Ettel, Betreuer und Sprachrohr des Muftis, Bedenken zu erkennen – der Mufti halte die Akustik der Moschee für nicht ausreichend, um die erstrebte „propagandistische Wirkung“ der Feier erzielen zu können. Prüfer fragte verwundert: „Warum will der Mufti nicht selbst die Predigt halten?“ [30] Noch am selben Tage ließ Ettel die Katze aus dem Sack. In einem Schreiben an den Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Staatssekretär Ernst Woermann, teilte er mit, der Mufti habe aus Anlaß des ‘Id al-Adhā etwa 200 Personen zu einem Empfang am 18. Dezember eingeladen, auf dem er eine Ansprache halten und das Islamische Zentral-Institut eröffnen wolle; um Zustimmung des Amtes werde gebeten. [31] Wenig später wurde bekannt, bereits am 8. Dezember hätten sich EI Naggar, Ahmad und Safty vom Institut mit dem Mufti getroffen und dieses Vorgehen abgesprochen; Galal sei am Tage darauf vom Mufti mit der Durchführung beauftragt worden, und dessen Sekretär, (Rāsim?) al-Khālidi, habe Ettels Mitarbeiter Tismer davon in Kenntnis gesetzt. [32] Von der gemeinsamen Veranstaltung mit der Gemeinde war keine Rede (mehr).

Am 12. Dezember reagierte der Betreuer und Fürsprecher Gailāni's, Gesandter z.b.V. Fritz Grobba. Gegenüber Woermann ließ er durchblicken, beim Institut handele es sich „lediglich um eine Gründung des Großmuftis und seiner Anhänger“, und verwies auf die Abmachung zwischen EI Naggar und Rahman, einen gemeinsamen Tee-Empfang mit dem Mufti und Gailāni als Gästen zu veranstalten; die Eröffnung des Instituts solle hingegen „besser noch etwas verschoben“ werden. [33] Das Orient-Referat des Auswärtigen Amtes stand vor einem Dilemma: Entweder die eine oder die andere Veranstaltung – beide jedoch, so sein Leiter Wilhelm Melchers, seien „unzweckmäßig“; sie würden „die bereits bestehenden Konflikte noch vermehren und damit dem deutschen Ansehen abträglich sein“. Dabei machte er keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Rahman und die Gemeinde. Woermann, an den die Notiz gerichtet war, empfahl „Besprechung mit Botsch. Prüfer“. [34]

Bis dahin fuhren Ettel und Grobba, ihren auch persönlichen Konflikt eskalierend, weitere Geschütze auf: Ettel bezeichnete am 14. Dezember den Streit als „Intrige aus dem Lager Gailani-Rahman gegen den Großmufti“ und warf EI Naggar und Hoffmann Wortbruch vor; über letzteren gebe es zudem „ungünstige Auskünfte“. Dem Schreiben an Woermann war eine Niederschrift des Muftisekretärs Mustafā al-Wakil beigefügt, in der dieser zum wiederholten Male Grobba Einmischung in islamische Angelegenheiten zuungunsten des Großmuftis vorwarf. [35] Grobba seinerseits übersandte Woermann am selben Tage Kopien von Schreiben EI Naggars an den Mufti und das Amt, in denen er mitteilte, daß aus Gründen der „islamischen Einigkeit“ die Institutseröffnung „auf keinen Fall mit der Feier des Opferfestes zusammenfallen“ dürfe, und daß er selbst die religiöse Zeremonie zum ‘ld al-Adhā verrichten werde. Ansonsten sei am 11. Dezember im Institutsvorstand beschlossen worden, Galal, dem unerlaubte Absprachen mit dem Mufti vorgeworfen wurden, als Generalsekretär abzusetzen und aus dem Institut auszuschließen. [36]

Nach dieser „Palastrevolte“ suchte der Mufti noch am selben Tage Woermann auf und erneuerte seine Angriffe auf Grobba. Der Staatssekretär, der das Gespräch nach einer Stunde abbrach, hielt es danach „nicht für vertretbar, dem Großmufti ohne Konsultation mit Bose und anderen das Recht zuzuerkennen, hier als alleiniger Wortführer der Muselmanen aufzutreten“. Ihm seien die Schwierigkeiten bekannt, „die wegen der Benutzung der Moschee hier seit langem bestehen und für die zur Zeit (die) unter indischer Führung stehende islamische Gemeinde ihre Rechte geltend macht“. Im ganzen fände er, „daß die Sache zu spät entriert“ sei. Die geheime Gesprächsnotiz übergab er Prüfer „mit der Bitte, einen Vorschlag für einen Ausweg zu machen“. [37]

Dessen Antwort vom 15. Dezember ließ erkennen, daß der Vorstoß Ettels und des Muftis das Amt (absichtlich?) in Zeitnot gebracht hatte; eine Verlegung der Institutseröffnung, „die an sich wünschenswert gewesen wäre“, ließe sich deshalb nicht mehr durchführen. Es müsse, so Prüfer, unbedingt vermieden werden, daß durch zwei verschiedene Veranstaltungen „im feindlichen Ausland der Eindruck einer Zwietracht zwischen den in Deutschland lebenden Mohammedanern“ erweckt werde. Dem Orient-Referat legte er ein Gespräch mit den Beteiligten nahe. [38]

Dieses fand am folgenden Tage statt. Referatsleiter Melcher empfing EI Naggar und Ahmad vom Institut, Rahman von der Gemeinde und Ali al-Sāfi als Sekretär Gailäni's und machte ihnen unmißverständlich klar, daß dringend vermieden werden müsse, „der feindlichen Propaganda unerwünschtes Material in die Hand“ zu geben. Deshalb legte er, der schon vorher seine Sympathien für den Mufti zu erkennen gab, nahe, daß sowohl die Zeremonie zum ‘Id al-Adhā in der Moschee „unter seiner Leitung“ stattfinden als auch die Institutseröffnung anstelle des Tee-Empfangs treten mögen. Während Rahman sich diesem Diktat zu widersetzen suchte [39], stimmten ihm EI Naggar, Ahmad und al-Sāfi zu. [40] Später stellte sich heraus, daß Ahmad schon am 14. und El Naggar am 15. Dezember vor dem Mufti kapituliert hatten. [41]

So fand also am 18. Dezember die eingangs erwähnte Eröffnung des Islamischen Zentral-Instituts statt. Für Grobba bedeutete sie das Ende seiner Karriere, er wurde in die Archivverwaltung versetzt. Danach rechnete der Mufti mit seinen muslimischen Opponenten im Institut ab: An die Stelle El Naggars [42] als Vorsitzenden trat sein palästinensischer Parteigänger Hassan Abū al-Su‘ūd und an die Bahri's Safty [43]. Für Hoffmann, gegen den bereits der SS-Oberführer Ettel ominöse Beschuldigungen vorgebracht hatte, verlangte der Mufti „geeignete polizeiliche Massnahmen“, da er „nach eindeutiger Aussage von Manzoureddin Ahmad, der ihn seit Jahren kennt, überzeugter Kommunist“ sei. [44]

Die Umstände seiner Gründung sowie die weitere, noch genauer zu erforschende Geschichte des Instituts, das in der Zehlendorfer Klopstockstraße Quartier fand [45] und in seinen Kopfbögen den Zusatz „Schirmherr: S.E. der Großmufti“ führte, lassen indessen ahnen, daß es mit der völkerverbindenden Mission seines Vorgängers nichts mehr zu tun hatte.


Nachwort

Die große Mehrheit der in- und ausländischen Moslems, die in den dreißiger Jahren in Deutschland lebten. sympathisierte mehr oder weniger offen mit dem Nationalsozialismus. Auch das Is1am-Institut machte da keine Ausnahme. Bereits im Jahre 1939 gab sich das Institut eine neue Satzung, die sich von der alten nur darin unterschied, daß sie deutschen Juden die Mitgliedschaft vermehrte. Ein für den Islam unerhörter Schritt, da der Koran Rassendiskriminierung ausdrücklich verbietet; er bezeichnet die ethnische Verschiedenheit als „Wunderzeichen Gottes“. Ab dem Jahre 1942 degradierte sich das Institut zu einem reinen Propagandainstrument der nationalsozialistischen Politik – bis zum Untergang des Reiches.

Die Leitung des heutigen Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland e.V. bedauert zutiefst, daß die Mitglieder des Vorkriegs-Instituts nicht den Mut und die Kraft gefunden haben, sich gegen das Ansinnen des NS-Regimes zu wehren, wie es die Imame in Bosnien, im Kosovo, in Rumänien und Bulgarien getan haben, indem sie dem Abtransport jüdischer Mitbürger und der moslemischen Roma heftigen Widerstand entgegensetzten.

Wir haben bei der Wiedergründung großen Wert darauf gelegt, daß unser Institut sogleich Kontakte zu jüdischen Gemeinden und Institutionen aufnahm. Wir haben das Gespräch mit dem Judentum als Verpflichtung in unsere Satzung aufgenommen. Und wir sind froh, daß dieses Gespräch Wirklichkeit werden konnte.

Wir hoffen aufrichtig, daß unsere jüdischen Mitbürger unsere Entschuldigung akzeptieren.


i.A. M. Salim Abdullah (Institutsdirektor)